Autobahn und Angriffen zum Trotz: Der linke Berliner Club ://about blank wird 15

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anti-nationaler, anti-deutscher
Techno-Club und Veranstaltungs-Ort

23. April 2025

Kultur : Autobahn und Angriffen zum Trotz: Der linke Berliner Club ://about blank wird 15
Pandemie, Stadtautobahn und Boykotte:
Der Berliner Club ://about blank macht schwierige Jahre durch.
Und dennoch wird hier nach wie vor ausgelassen getanzt, gefeiert und gelacht.
Nun feiert der Club seinen 15. Geburtstag
Von Konstantin Nowotny
23.04.2025
https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/autobahn-und-angriffen-zum-trotz-der-linke-berliner-club-about-blank-wird-15

Es war eine andere Zeit, in der Linke noch so über sich selbst lachen konnten:
Nachdem der Journalist und Autor Mohamed Amjahid nach eigenen Angaben ein Jahr lang in der Szene der sogenannten Antideutschen recherchiert hatte,
entstand daraus im März 2017 ein recht eigentümlicher Text im Magazin der Zeit.
Seltsame Menschen sind Amjahid bei seiner Recherche begegnet:
Sie verstanden sich als links, liebten aber die USA und Israel,
organisierten Eat-ins bei McDonald’s und veranstalteten wilde „Sexpartys“.
Ein zentraler Veranstaltungs- und Vernetzungsort der skurrilen Sozialcharaktere,
die der Autor getroffen haben will,
soll der Club ://about blank in Ostberlin gewesen sein.

Amjahids Text ließ den Club wie das Mekka einer linken Sekte erscheinen,
deren politische Positionen für traditionelle Linke so exotisch wirken mussten wie ihr Hedonismus.
Im „blank“ nahm man es mit Humor:
Eine geplante Veranstaltung wurde inoffiziell und scherzhaft als „antideutsche Sexparty“ angekündigt.

Dem voran gingen schon einige Jahre Clubgeschichte:
2010 übernahm ein Kollektiv von Hausbesetzer*innen das Gelände eines ehemaligen Kindergartens und widmete das zweistöckige Gebäude nebst weitläufigem Innenhof zum Veranstaltungsort um – zunächst illegalerweise.
Trotz der Laufkundschaft wenig zuträglichen Lage unweit vom Berliner Bahnhof Ostkreuz entwickelte sich das von außen recht unscheinbar wirkende graue Gemäuer zu einem Geheimtipp, nicht nur unter Ortsansässigen.

Kulturförderung von unten: Das about blank braucht Spenden

15 Jahre später gibt es kaum eine Plattform für elektronische Musik, die nichts vom ://about blank weiß.
Sein Charme, den das DJ-Portal Resident Advisor als „gritty“, zu Deutsch etwa „düster“ oder „rau“, beschreibt, sorgt an den Wochenenden nach wie vor oft für lange Schlangen am Einlass.
Partys, Lesungen, Kinderdisco, Konzerte und Mischveranstaltungen aus allem Vorgenannten finden hier statt.
Der linke Anspruch spielt dabei immer eine große Rolle, nicht nur, weil Tür- und Hauspolitik erklärtermaßen antirassistisch und feministisch gestaltet werden.

Mythen und Missverständnisse um das //about blank sind geblieben, nur ganz so lustig wie noch 2017 ist die Situation nicht mehr.
Wie alle Clubs, die das Linkssein nicht allein als Image vor sich hertragen, kämpft auch das „blank“ gegen sich zunehmend verschärfende Bedingungen.
Strukturell bedroht ist der Club von steigenden Preisen für so ziemlich alles, was ein Club braucht.
Dem Sparzwang fielen jüngst etwa die Handtuchspender in den Toiletten zum Opfer.
Auch das mittlerweile viel zitierte „veränderte Ausgehverhalten“ seit der Pandemie hat sich bemerkbar gemacht.

Seither reiht sich das „blank“ in die lange Liste der Clubs ein, die um Spenden bitten und Soli-Partys veranstalten.
So ist auch an die Geburtstagsparty zum 15-jährigen Bestehen am kommenden Wochenende eine Spendenaktion angegliedert. „Kulturförderung von unten“ nennt das der Club selbst, denn eine Bewerbung um 150.000 Euro „von oben“, also von der Stadt, blieb erfolglos.

Zudem schwebt ein asphaltfarbenes Damoklesschwert über dem „blank“:
Der seit Jahrzehnten dahinkriechende Ausbau der Berliner Stadtautobahn A100 könnte nach aktuellen Plänen dazu führen, dass Grünflächen, Wohnhäuser und mehrere Berliner Kulturinstitutionen,
darunter auch das „blank“, einer Mobilitätsvision aus dem vergangenen Jahrtausend weichen müssten.
Das about blank steht auf antiisraelischen Boykott-Listen

Zu allem Überfluss kämpft der Club auch noch mit Querelen,
die nicht unmittelbar materieller Natur sind, aber für die Clubkasse dennoch bedrohlich ausfallen könnten.
Schon 2021 beendete die queere Partyreihe Buttons ihre jahrelange Zusammenarbeit mit dem „blank“, wegen dessen „antideutscher Ansichten“. Und weil hier unter anderem Solidaritätsveranstaltungen für die am 7. Oktober 2023 von der Hamas brutal massakrierten Opfer des israelischen Techno-Festivals „Supernova Sukkot Gathering“ stattfanden, sind die alten Vorurteile, der Club sei Netanjahu-treu oder antipalästinensisch, wieder en vogue.

Seitdem werden Gebäude und Personal bedroht und angegriffen, unter anderem mit Buttersäure und dem roten Dreieck, einem Symbol der Hamas.
Der Club sah sich zu einem Statement genötigt: Man verstehe sich „als linker, inklusiver, queer-feministischer, antirassistischer, antifaschistischer und antisemitismuskritischer Club“, positioniere sich aber auch gegen „die grauenhaft tödliche Wirklichkeit von Kriegslogik“.

Ungeachtet dessen befindet sich der Club nun auf Boykottlisten antiisraelischer Organisationen, die potenzielle Gäste und Künstler*innen davon abbringen sollen, das „blank“ zu besuchen oder hier aufzutreten.
Im Gegenzug versammelt sich hier die Techno-Szene, die andernorts die Empathie für die Opfer des 7. Oktobers in Israel vermisst.

So betrachtet ist es beinahe verwunderlich,
dass im ://about blank nach wie vor ausgelassen getanzt, gefeiert und gelacht wird, als wäre es noch 2017. Und doch ist dem so, nunmehr seit 15 Jahren.
Herzlichen Glückwunsch!

Musiktagebuch

Konstantin Nowotny schreibt beim Freitag die Kolumne Musiktagebuch.
Darüber hinaus schreibt er öfter über Themen rund um die Psyche und hin und wieder über Ostdeutschland